Mehr als die Hälfte aller globalen CO2-Emissionen werden von natürlichen Ökosystemen wie Meeren, Mooren und Wäldern aufgenommen. Sie wirken als Kohlenstoffsenken und leisten einen entscheidenden Beitrag zum Klimaschutz. Zugleich zählen sie zu den größten Opfern der Erderwärmung. Natürlicher Klimaschutz setzt daher auf die Regenerierung von Ökosystemen zur Lösung menschengemachter Umweltfolgen. Doch welche Herausforderungen und Chancen bringt Natürlicher Klimaschutz mit sich und welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, um dem Klimawandel effektiv entgegenzuwirken?
Während das Thema Klimaschutz gesellschaftlich und politisch in aller Munde ist, stellt das Bewusstsein für den Verlust biologischer Vielfalt häufig ein eher beiläufiges Randthema dar, das sich meist auf den Schutz gefährdeter Arten beschränkt. Wie zentral die Bedeutung intakter Naturräume und einer reichen Biodiversität im Kampf gegen die Erderwärmung ist, führen konkrete Zahlen drastisch vor Augen: Denn allein die Landökosysteme speichern ca. 2.100 Gigatonnen Kohlendioxid – beinahe drei Mal so viel CO2, wie sich aktuell in der Erdatmosphäre befindet. Als natürliche Kohlenstoffsenken wirken terrestrische Ökosysteme u.a. Wälder und Wiesen sowie marine Ökosysteme u.a. Mangrovenwälder und Korallenriffe der Erderwärmung entgegen und dienen als Puffer bei Extremwetterereignissen. Das Problem: Die Leistungsfähigkeit von Naturräumen wird durch die Erderwärmung stark geschwächt. Um den Natürlichen Klimaschutz zu erhalten, ist der Schutz geschädigter Ökosysteme, deren Regenerierung und Renaturierung daher essentiell. Die Devise lautet: Mit der Natur arbeiten statt gegen sie.
Natürlicher Klimaschutz: Ein ganzheitlicher Ansatz
Die Erderwärmung und das massive Artensterben sind die zwei größten ökologischen Krisen und Herausforderungen unserer Zeit und haben direkte Auswirkungen auf die menschlichen Lebensgrundlagen. Ein Zusammenhang, dem hierbei oft zu wenig Bedeutung beigemessen wird, ist folgender: Die Erderwärmung wirkt sich nicht nur negativ auf die Biodiversität aus – eine intakte und stabile Biodiversität kann sich wiederum positiv auf die Klimakrise auswirken. Klimaschutz mit ganzheitlichem Ansatz muss daher immer auch die Aspekte Natur- und Artenschutz mitdenken, bearbeiten und kommunizieren. Erst wenn diese Bereiche als Teil eines Ganzen und nicht länger als hierarchisierte Teilbereiche verstanden werden, gibt es eine Chance im Kampf gegen die selbstverursachte Krise. Denn: Je mehr biologische Vielfalt zerstört wird, desto mehr klimatische Katastrophen und Extremwetterereignisse werden in Zukunft auftreten. Die Revitalisierung und Stabilisierung gesunder, diverser Ökosysteme ist daher ein Aspekt, der von größter Bedeutung und Dringlichkeit für einen erfolgreichen Klimaschutz ist.
Die Kraft der Natur nutzen
Das vom Bundesumwelt- und Verbraucherschutzministerin (BMUV) vorgestellte und von der Regierung mit 4 Milliarden Euro geförderte Aktionsprogramm „Natürlicher Klimaschutz“ geht das Problem geschwächter Naturräume an, indem deren Regenerierung gefördert und die natürliche Widerstandskraft gestärkt werden, um so dem Klimawandel effektiv entgegenzuwirken. U.a. sind neben der Wiedervernässung der Moore und vieler weiterer Maßnahmen eine übergreifende Meeresstrategie, die den Zustand von Seegraswiesen, Mangroven, Algenwäldern und anderen küstennahen Feuchtgebieten schützen und verbessern soll, geplant.
Hat Natürlicher Klimaschutz eine Chance?
Alle geplanten ökosystembasierten Lösungskonzepte des Aktionsprogramms setzen auf die Funktion von Naturräumen als Kohlendioxidspeicher und nutzen Synergieeffekte zwischen Klima- und Naturschutz gezielt, um die Atmosphäre zu entlasten. Ein solches Vorhaben kann jedoch nur dann erfolgreich sein, wenn die geplanten Maßnahmen über die unterschiedlichen politischen Ebenen und Ressorts abgestimmt und umgesetzt werden. Erst wenn ein gesellschaftliches Umdenken stattfindet und Naturschutz und Klimaschutz gleichwertig betrachtet werden, hat das Aktionsprogramm „Natürlicher Klimaschutz“ eine Chance.